Ökumene abseits vom Reißbrett

Neulich saß ich wieder einmal am Samstagvormittag in der Kirche meiner Wohnpfarre, als einige mir vage bekannt vorkommende Leute bei der Tür hereinkamen, Instrumente aufbauten und mit einem umfangreichen Soundcheck begannen.

Nachdem ich mich von einigen Musikstücken in eine etwas andere Art der Gottesanrufung versetzen hatte lassen als ursprünglich geplant, verabschiedete ich mich von der Truppe mit der Vermutung, dass ich die übrigen Lieder wohl bei der am nächsten Sonntag stattfindenden Firmung hören würde.

Das wurde von den jungen Leuten verneint. Sie seien von der benachbarten evangelischen Gemeinde und übten für das wienweite Gustav Adolf Fest, für das man sich wegen der erwarteten Besucherzahl die größere katholische Kirche "ausgeborgt" hätte.

Ich muss gestehen, dass mich - für einen allerersten, unwillkürlichen Moment - eine Art Revierdenken durchzuckte.
Dürfen die denn das? Noch dazu am Fronleichnamstag, dem wohl katholischsten aller Feiertage??
Andererseits - die Prozession fand gemeinsam mit ein paar anderen Kirchengemeinden in der freien Natur statt, und "unsere" Kirche wäre sowieso leer gewesen.

Nun, es ist nicht so lange her, da hätten "sie" es wahrscheinlich wirklich noch nicht dürfen. Und obwohl in meinem eigenen Bewusstsein nicht alle Winkel hundertprozentig so weit sind, bin ich doch froh über die Weiterentwicklung in Sachen partnerschaftlich geteilter Lebensräume und Zulassen der Vielfalt von Zugängen.

Sogar, wenn das Akzeptieren der Pluralität richtiggehend anstrengend sein kann.
Ein paar Wochen zuvor hatte mich eine Freundin zu einem Fest der Zeugen Jehovas eingeladen. Ich wollte gerne versuchen, ihre offensichtliche Freude mit ihr zu teilen und mich auf das Geschehen einzulassen, doch natürlich konnte mein Gehirn die umherflitzenden Gedanken nicht abschalten:
Was genau wird da geglaubt, in welchen Punkten unterscheidet es sich nun wirklich von meinen Überzeugungen, mit welchem Verhalten ecke ich vielleicht an...?

Abgesehen also von der positiven Überraschung, dass die Ansprache auch in erster Linie von der Barmherzigkeit Gottes handelte, fand ich Konzepte vor, auf die ich persönlich mein alltägliches Leben nicht einstellen möchte, ohne diese jedoch präzise in Worte fassen zu können.
Was ich aber sagen kann ist, dass ich an dem Abend viel über mein eigenes Glaubensempfinden gelernt habe, beispielsweise welche Wahrheiten für mich unabhängig von Ritualen (bzw. der Abwesenheit davon) bestehen.

Zum Ausgleich amüsierte sich mein Hirn damit, folgenden Vergleich zu formulieren:
Die Religionen und Glaubensgemeinschaften sind wie Brillengeschäfte. Nicht alle haben die gleichen Modelle vorrätig, nicht jede Linse ist für jeden Menschen geeignet, aber alle Optiker sind bemüht, den Kunden eine jedenfalls ihrer aufrichtigen Überzeugung nach bessere Sicht zu vermitteln. Letztere profitieren von der Erfahrung, die die Anbieter nicht zuletzt aus dem Wettbewerb untereinander ziehen.

Aber eigentlich sollte es auf die Art des Sehbehelfes nicht ankommen.
Was letztlich zählt, sind die herzerwärmenden Gespräche über Gott mit einer Freundin oder eine unvermutete Gelegenheit, sich von einem Lobpreisgesang zu Ehren des Weltenschöpfers anstecken lassen zu können.