Glaube versetzt Berge

Öfters schon hat mir diese Rubrik dazu gedient, Dinge nach außen zu transportieren, die mir anlässlich eines Glaubensgespräches "steckengeblieben" sind, weil im entscheidenden Augenblick, wenn man am Wort ist, alle bedenkenswerten Punkte doch nicht so ganz parat sind...


"Und wäre euer Glaube auch nur so groß wie ein Senfkorn, ihr könntet heute schon Bäume verpflanzen und Berge versetzen,"


so eine der Quintessenzen aus dem 17. Kapitel des Lukasevangeliums, das zusammen mit der Parallelstelle bei Matthäus ganz unterschiedliches Material zum Kommen des Gottesreiches nebeneinanderstellt.

In der begleitend behandelten Textstelle des Theologen Tomáš Halík wird in amüsiertem Tonfall von einem Jungen berichtet, der genau das versucht habe; der sich eines wunderschönen blumenduftenden Sommertages hingesetzt und mit all seinem kindlichen Enthusiasmus versucht habe, das vor ihm in der Sonne gleißende Bergmassiv hinwegzuheben.
Ziemlich unmissverständlich wird anschließend ausgeführt, dass es Jesus so wohl nicht gemeint habe, dass man die Bibel in solchen Belangen keinesfalls wörtlich verstehen dürfe.

Als weitere Illustration für eine Verwechslung wahren Glaubens mit magischem Denken werden die vor allem in den Vereinigten Staaten grassierenden Großevents in Sachen Wunderheilung genannt, die vor allem der Aufpolsterung der Egos der jeweiligen Veranstalter dienen und die bei den Patienten wohl kurzzeitige suggestive Veränderungen auslösen.

Auch ich finde die Ironie daran in dem Umstand, dass genau durch derartige Spektakel die allgemeine Aufmerksamkeit abgezogen wird von der Tatsache, dass es immer schon so etwas wie Spontanremissionen und diagnostisch unerklärbare Zustandsverbesserungen gegeben hat, die von den Beteiligten nur nicht dazu herangezogen wurden, um irgendetwas beweisen zu wollen.
Nach dem äußeren Schein oft nicht einmal als solche erkennbar, gibt es zudem die Heilerinnen und Heiler, die keine Scharlatane sind, die in Abstimmung mit Gott handeln, auch wenn sie es nicht im Auftrag einer beamteten medizinischen oder theologischen Fakultät tun.

Da Gott auch auf krummen Zeilen gerade schreibt, würde ich es überdies nicht einmal für ausgeschlossen halten, dass als Resultat einer der vorerwähnten Showveranstaltungen eine "echte" Heilung passiert, denn die Disposition dafür geht ja vom empfangenden Menschen aus und Gott kann es durchaus verkraften, für das eine oder andere Wunder den Ruhm nicht direkt bzw. nach einem bisweilen recht langen Reaktionsweg in Sachen Erkenntnis einzuheimsen!

Gerade in Bezug auf die grundlegende Erwartungshaltung an Gott bin ich der festen Meinung, dass sie keinen wie auch immer gearteten Horizont haben darf: Es ist eine große Versuchung, sich das Wort Gottes zurechtzurationalisieren, denn dann hat man höchstpersönlich damit begonnen, die Größe Gottes zu beschneiden, ja seine keine Beschränkung kennende Wirkmacht und Güte in Frage zu stellen; beides an die eigene endliche Vorstellungskraft anzupassen.

Wenn es also nicht jeden Tag passiert, dass mit oder ohne Getöse und ungeheurer Staubentwicklung geologische Formationen (oder auch nur Teile deren Bepflanzung) ihren Standort wechseln, dann eigentlich nur deshalb, dass es dafür einfach keinen Grund gibt.
Gäbe es aber einen, d.h. hätte Gott die Veranlassung, ein Zeichen in einer vergleichbaren Dimension zu setzen, dann möchte ich bereit sein und durch mein grundsätzliches Für-möglich-Halten dazu beigetragen haben, es in dieser Welt zu verwirklichen, einer Welt, die andere Regeln zu kennen scheint, welche aber niemals die des Gottesreiches aushebeln können.

Das größte Wunder wäre dann wahrscheinlich tatsächlich, nicht nur die spektakulären, sondern, und hier ebenfalls nicht nur im Bereich der körperlichen Gesundheit, auch die im Trott der trivialen Verrichtungen so leicht übersehenen Alltagswunder überhaupt wahrzunehmen und als solche anzuerkennen.

Es geht ja auch darum, von Zeit zu Zeit einen Schritt zurückzutreten und sich zu fragen: Wofür brenne ich eigentlich? Was erachte ich als den Teil des Gottesreiches, den ich zu meiner Selbstverständlichkeit machen möchte und den zu verteidigen ich sogar Gegenwind in Kauf nehmen würde?

Dem Jugendlichen, der sich mit seinem ganzen Herzen in die Vorstellung der Ebenbürtigkeit hineingeworfen und es riskiert hat, sich - im ersten Schritt einmal vor sich selbst - zu blamieren, gehört meine ganze Hochachtung.


P.S. Meine Seele, du bist Gottes fähig! Wehe dir, wenn du dich mit weniger als Gott begnügst!
       (Franz von Sales, Philotea Kap. 10)