. . . . . . . . . . . . . . . . . . . Betteln verboten!


Zahnwehherrgott St. Stefan
Bild: Wikimedia Commons
Es lässt sich alles immer vom Kleinen aufs Große übertragen und umgekehrt. Wer schon einmal ordentliche Zahnprobleme gehabt hat, weiß, wie in dem Zustand das gesamte Universum nur aus Schmerz zu bestehen scheint.

Der geht jedoch im Allgemeinen wieder vorüber und anschließend erkennt man von neuem voller Dankbarkeit, wie wunderbar der Körper doch die meiste Zeit funktioniert!
Wie selbstverständlich man es nimmt, dass zum Am-Leben-Bleiben normalerweise Millionen physiologischer Abläufe reibungslos ineinandergreifen, merkt man erst, wenn auch nur ein Rädchen um den Bruchteil eines Millimeters verstellt ist.

Ganz genau so, finde ich, ist es mit der so genannten Theodizee-Frage: Die Menschen, die bezweifeln, dass es einen Gott geben kann, wenn auf der Welt so viel Leid geschieht, übersehen all das, was an ihr wunderbar gefügt ist und zufriedenstellend läuft!

Eine noch erschreckendere Sichtweise wird in dem Film „Population Boom“ aufgedeckt. Bedrückende Lebensumstände, wie etwa die Landflucht, die zu überfüllten Armenvierteln in den Ballungsräumen führt, wurden - von den Verursachern! - systematisch vom menschlich erzeugten Missstand (aus Profitgier wird den Leuten in ihren angestammten Gebieten die Lebensgrundlage entzogen) einfach zu einem Fehler in der Schöpfung (Gott hat zu viele Menschen geboren werden lassen) umetikettiert.

Es stimmt schon, einige Arme geben eine karge, aber gesicherte Existenz auf, um in der Stadt ihr Glück in einer schnellen Bereicherung zu suchen, das sich so in den allerwenigsten Fällen erfüllen kann – aber wer will es ihnen verübeln, einen Fehler auch zu machen, nur weil andere ihn schon vor ihnen gemacht haben und einigen davon ein müheloser Erfolg Recht zu geben scheint?

Ebenso wenig nützt es, die ohne viel Rücksichtnahme reich Gewordenen zu den Sündenböcken zu machen und zu bekämpfen. Auch sie haben einen Bewusstseinsweg durchzumachen, den es zwar mit Nachdruck einzufordern, gleichzeitig aber geduldig abzuwarten gilt.

Funktionieren kann ein Zusammenleben auf dieser Erde nur, wenn sich alle Teile einer Gesellschaft in eine vergleichbare Verantwortung nehmen lassen.

Während man also keinem Erdenbewohner seine Existenzberechtigung absprechen darf, muss eine nicht unmittelbar beteiligte Mittelschicht besorgt und vermeintlich hilflos zusehen, wie vielen ein menschenwürdiges Auskommen verwehrt wird, indem sich andere einen überproportionalen Anteil an Land und Ressourcen sichern.
Wer in Indien um eine Schale Reis bettelt, hat genau die bitter nötig, doch in den Industrieländern ist ein regelrechter Berufsstand entstanden, der ein latentes schlechtes Gewissen direkt „beerntet“. Und welcher Ort wäre dazu wohl geeigneter als der, wo man sich mit letzterem beschäftigt?
Als in diesem Denkrahmen logische Folge kann es einem vor allem in den Wiener Innenstadtkirchen häufig passieren, dass man mehr oder weniger dreist um mehr oder weniger große Geldbeträge gefragt wird.

Wenn ich mich nun ärgere, aus meiner Versenkung gerissen worden zu sein – das ist mir auch schon mit Fremdenführern passiert, die sich mitsamt ihrer Gruppe einen Meter von mir entfernt aufgepflanzt haben.
Wenn ich finde, dass der sakrale Raum durch die Anbahnung eines Geldgeschäftes entweiht wird – das ist ebenso der Fall, wenn für das Betreten eines Gotteshauses, dessen Ausstattung sich bei seiner Errichtung nicht wenige Gläubige zur höheren Ehre Gottes vom Mund abgespart haben, nun Eintritt verlangt wird.
Daher macht es wenig Sinn, das Betteln aus der Position einer moralischen Überlegenheit zu verbieten, und Schilder, die das Betreten einer Kirche durch unerwünschte Personen schon vorbeugend verhindern sollen, bereiten mir Unbehagen.

Ist es ganz auszuschließen, dass jemanden die Erleuchtung überfällt, der die Andachtsstätte aus einem ganz anderen, weltlichen Grund aufgesucht hat? Der Atmosphäre muss die Möglichkeit gegeben werden, für sich selbst zu sprechen:
Kirchen sind Orte der Gottesbegegnung, ob in verharrendem Gebet oder auch im Staunen und Erfreuen an den Kunstschätzen, die andere zu seinem Lobpreis geschaffen haben.
Ich störe die anderen Besucher nicht durch laute Unterhaltung oder zudringliches Verhalten und ich gebe bestimmt, aber deswegen nicht notwendigerweise unfreundlich, zum Ausdruck, dass auch ich nicht gestört werden möchte. 

Ich bin überzeugt, würden sich die Leute weder schlussendlich doch im Innern der Kirchen erweichen lassen (und sich von der Belagerung freizukaufen suchen), noch sofort indigniert nach Obrigkeit umsehen (und somit ziemlich beleidigend zu verstehen geben, dass sie nicht einmal auf die grundlegendste Art zu kommunizieren gedenken), wäre einigen Formen der Geschäftemacherei in den Gotteshäusern rasch der Boden entzogen.

Denn ich kann es nicht aus meinem Bewusstsein schieben:
Gott hätte nur an einem einzigen Schräubchen ein bisschen anders drehen müssen und ich wäre die Bettlerin, die vom weniger angenehmen Ende der Palette die Grundregeln des Zusammenlebens lernen müsste.
Nicht, dass sie es überhaupt probieren, ist ihnen abzusprechen, sondern der Art, wo und wie sie es tun, muss durch Erfolglosigkeit die Attraktivität genommen werden.

Was kann man also dagegen unternehmen, dass die Welt nach wie vor schief hängt, weil es einige Zeitgenossen aufgrund günstigerer Voraussetzungen schaffen, sich tatsächlich und im großen Stil an anderen zu bereichern?

Jede/r von uns hat doch den/die Augustin-Verkäufer/in, der/die uns nun einmal in besonderer Weise anspricht und unseren Obolus erhält (auch wenn es der/die Verkäufer/in ein paar Schritte weiter genauso nötig hätte und wenn wir, ehrlich gesagt, die Zeitung nicht wirklich lesen).
Ich kann nicht die gesamte Welt auf einmal retten, aber ich kann mich bemühen, die Erzeugnisse zumindest einiger Firmen zu boykottieren, von denen ich weiß, dass ihre niedrigen Preise durch Ausbeutung der Produzenten und der eigenen Angestellten zustandekommen.
Ich muss das Prunk- und Protzgehabe nicht unterstützen, indem ich nicht auch noch die Auflagenzahl und Einschaltquoten der einschlägigen Magazine vergrößere.
Ich kann darauf vertrauen, dass meine durch offizielle Kanäle fließenden Spenden sinnvollen Projekten der Entwicklungszusammenarbeit zugutekommen.
Nicht zuletzt kann ich meine ehrliche Dankbarkeit ausdrücken denen gegenüber, die sich aus Berufung selbst dem Elend aussetzen und sich stellvertretend für viele andere von uns kümmern um die zahllosen Formen des Leidens an der Welt.

Mein Gott, lass mich nicht von den verdrehten Überzeugungen, dem unreflektierten Handeln und den mannigfaltigen Überredungskünsten anderer Menschen davon abhalten, Dich in allem, was da ist, zu sehen und über Dich zu jubilieren!


Ein gutes P.S. gibt hier auch die im ORF gezeigte Dokumentation "Bananas" über einen konkreten Fall von gewissenloser Bereicherung und versuchter Verkehrung der Tatsachen:
Der Rechtsanwalt, der beweist, dass Arbeiter in Mittelamerika ungewarnt gewinnmaximierendem Pflanzenschutzmittel ausgesetzt waren, noch nachdem dessen Giftigkeit erkannt war (und sogar erzeugerseits zurückgezogen werden sollte), wird vom verantwortlichen Großkonzern der Lüge bezichtigt, da "so etwas Ungeheuerliches" doch nicht sein könne. Bewundernswert aber das Vorgehen des Anklägers: Tatsachen auf den Tisch legen, Verantwortung einfordern, doch ohne übermäßige Schuldzuweisung (denn am ehesten wird man ein Umdenken erwarten können bei so weit wie möglich vermeidbarem Gesichtsverlust), die Betroffenen ernst nehmen und ihnen wirklich weiterhelfen.
Den roten Ferrari, den er sich aus den Einkünften seiner Kanzlei zugelegt hat, hat man ihm unter diesen Umständen durchaus gegönnt!