Äußere und innere Mission

Viel habe ich nicht gelesen über P. Aldino Kiesel, den Generaloberen der Oblaten des hl. Franz von Sales. Doch allein der kurze Text stellt eine wunderschöne Berufungsgeschichte dar. (Thaddäusbote 10/2006, S. 4-5).

Wort Gottes, für die Wallfahrer bereitgestellt
in der Kirche Maria am Birnbaum, Wolfsthal
Besonders beeindruckt hat mich der einfühlsame Einsatz für die Menschen, die außerhalb der etablierten Gesellschaft stehen: „Die Verarmten erwarten nicht, dass wir ihre Probleme lösen, sondern möchten spüren, dass sie in ihrem Kampf für Gerechtigkeit, Würde und Frieden nicht alleine sind.“

Ob es sich um Menschen in den Entwicklungsländern handelt oder um die in der nächsten Umgebung, ob materieller Beistand gefordert ist oder spiritueller Rat: Ich finde, dieser Satz lässt sich überall gleich gut anwenden.

Nun muss ich gestehen, dass ich zu den Leuten gehörte, die der Mission und so manchen Entwicklungshilfeprojekten äußerst skeptisch gegenüberstanden. Was, so war früher auch meine oberflächliche Meinung, haben die Weißen in den anderen Erdteilen verloren, wo sie den Eingeborenen Ungewolltes und Missverständliches überstülpen, ihnen bestenfalls die knappe Nahrung wegessen?

Die Zeit brachte Einsicht, und heute weiß ich, dass der Heilige Geist da sein Wörtchen mitzureden hat und dass die Missionarinnen und Missionare ihrer inneren Stimme folgen und (bis auf die unrühmlichen, als Negativbeispiel dienenden Ausnahmen, nichts in der Welt ist vollkommen) eine bei den Menschen parallel entstehende Bereitschaft zum Umdenken bedienen. Schließlich wäre auch Mitteleuropa nicht christlich ohne die wandernden Mönche, die noch dazu nicht direkt aus Rom kamen, sondern den geographisch wenig logischen Umweg über den Norden des Kontinentes nahmen.

Das Warum und das Was der Ausbreitung des Reiches Gottes wären also geklärt. Bleibt nur noch das Wie...
Wenn es für jede Eventualität ein Bibelwort gibt und die Stellen sich in manchen Fragen zu widersprechen scheinen, ist es dann nicht doch vermessen, die eigene Auffassung weiterzugeben?
Wenn der rechte Weg eine haarfeine Linie ist, die es zu treffen gilt, von der ich selbst beständig auf die eine oder die andere Seite herunterkippe, kann ich da noch Glaubwürdigkeit vermitteln?

Für mich steht die Antwort auch auf diese Fragen in der Bibel selbst, als Jesus mit dem jungen Mann spricht, der darüber nachdenkt, ihm nachzueifern, dem er jedoch eine niederschmetternde Antwort geben muss: 'Da sah ihn Jesus an, und weil er ihn liebte, sagte er: Eines fehlt dir noch.' (Mk 10, 17-22) Weder macht er sich lustig über den von der Ausgangslage her vermutlich vermessenen Wunsch, noch speist er den Jüngling ab mit billigem Trost.
Das macht eine gute und tragfähige Freundschaft aus, wenn man es auf sich nimmt, dem anderen aus Liebe etwas zu sagen, womit er absolut nicht gerechnet hat oder was ihn im ersten Moment vielleicht sogar verletzt.

Doch es ist höchst unfair, mit Bibelsprüchen um sich zu werfen, wenn man den anderen nur belehren und anders haben will und nicht auch bereit ist, ihn bei der durch die Erkenntnis erforderlichen Lebensumstellung zumindest emotional zu unterstützen.
Wie gesagt besteht das Wort Gottes aus Ermahnungen für Abweichungen beiderseits der Linie, und um welche davon es sich handelt, ist meist nur aus dem weiteren Zusammenhang der Textstelle erkennbar. Durch eine Wortspende, die besser gemeint ist als sie überdacht war, erwischt man womöglich eine, die für die gegenüberliegende Seite des Grates zutrifft und kann dadurch eine unerwünschte Verhaltens- oder Denkweise unter Umständen noch verstärken.

Vermeiden lässt sich dieser Fehler durch aufrichtige Empathie, womit der Bogen zurückgespannt wäre zum nachahmenswerten Beispiel des von allen Heiligen als am liebenswürdigsten beschriebenen Franz von Sales, aller in seinem Geiste wirkenden Schwestern, Brüder, Priester und Missionare und eines zuversichtlich in eine gottgegebene Zukunft blickenden P. Kiesel.


P.S. Wie ich selbst erst nachträglich bemerke, passt auch der Leitartikel des verlinkten Thaddäus-Heftes hervorragend zum Thema!