Bild # 13 oder die vergessene Pointe



Die Geschichte vom zurechtgesägten Kreuz kursiert in gezeichneter oder geschriebener Form unausrottbar in der kirchlichen Welt.
Aber ich habe mich immer schon gewundert, warum ihr so oft der Schluss fehlt!

Glaube und Liebe sind nicht zu trennen von der Hoffnung. Wer sich selbst oder seinen Mitmenschen auch nur eines davon vorenthält, wird Schwierigkeiten haben, nachhaltig die anderen beiden zu vermitteln.

Dort, wo Defizite auszugleichen wären, möchte ich daher (ohne gleich einer gegenteiligen "Der Herrgott-wird's-schon-richten" - Mentalität das Wort reden zu wollen), obige sommerliche Zeichnung und ein kleines Märchen zur Verfügung stellen:

Jeder nehme sein Kreuz auf sich, Langversion

Es war einmal eine Gruppe Menschen, denen war bedeutet worden, dass sie ihr Leben aller Voraussicht nach gemeinsam zu durchwandern hätten.
Eine der Spielregeln sei auch, dass jeder ein Kreuz auf sich zu nehmen habe, das zu seinem Kreuz erklärt werden würde, und das ihn dann den Rest der Lebensreise zu begleiten habe.

Erst standen alle unschlüssig herum, aber die Sache organisierte sich schnell:
Einigen wurde ein bezeichnetes Kreuz auferlegt, das sie ohne zu Murren annahmen und auch gewissenhaft mit sich trugen.
Andere zogen sich aus dem ungeordneten Haufen ein ganz besonderes Kreuz hervor, von dem sie meinten, es in allen zu erwartenden Unbilden meistern zu können.
Wieder andere hätten nicht erklären können, warum sie sich zu einem bestimmten Kreuz hingezogen fühlten, aber sie wussten, es gehörte zu ihnen.
Ganz Fürwitzige hatten zwar ein betreffendes Kreuz ausgefasst, nahmen aber in letzter Sekunde noch Anpassungen daran vor, und so hörte man hier ein Hämmern, dort ein Sägen, bevor die ganze Gesellschaft loszog.

Anfangs war der Weg ja noch leicht. Die Wanderer waren so sehr damit beschäftigt, sich auszumalen, was hinter den verheißungsvollen Ecken für Herausforderungen warten mochten, dass sie ihren auferlegten Kreuzen, die zwar hier drückten und dort um Hindernisse herumgeschleppt werden mussten, keine sonderliche Beachtung schenkten.
Doch allmählich begannen sich Hemmnisse einzustellen und beharrlich dieselben Widrigkeiten zu wiederholen. Da galt es dann einzusehen, dass sich das Verbleiben auf der gemeinsamen vorgegebenen Richtung desto schwieriger gestaltete, je spitzfindiger die Vermeidungsstrategien waren.

Jetzt machten sich auch Neid und Unzufriedenheit breit: „Seht nur hier, dieser da hat ja ein besonders einfaches Kreuz abbekommen. Es ist viel leichter als meines.“ Oder: „Das ist noch gar nichts, jener hatte ein größeres Kreuz, aber er hat es sich ganz einfach abgesägt!“ Aber auch: „Der Verrückte dort drüben hat sich ein Kreuz aus Gusseisen ausgesucht. Daran schleppt er so schwer und so langsam herum, dass er uns nur aufhält!“ „Ja, und was will der andere mit seinem Riesen-Aluminiumding? Das hat zwar ein annehmbares Gewicht, ist aber so unförmig, dass man es eigentlich gar nicht als Kreuz bezeichnen kann…“

So wanderten sie immer schwerfälliger dahin, und weil einige von ihnen so sehr mit Vergleichen und Bewertungen beschäftigt waren, wurde kaum mehr auf den Weg geachtet. Wahrscheinlich hatten sie auch eine Abzweigung übersehen, denn plötzlich standen sie vor einem unüberwindlichen Graben.

Erst hub ein Gezeter und Geschrei an, und ein Schuldiger wurde gesucht, der die fehlerhafte Navigation verantworten sollte. Als sie eingesehen hatten, dass sie das bei aller kurzfristigen Erleichterung um keinen Schritt weiterbrachte, wurde doch auf die Besonnenen gehört, die unter all den Kreuzen zwei große Exemplare aus stabilem Holz ausgesucht und sie über den Graben gelegt hatten, sodass die ganze Gruppe den Weg fortsetzen konnte.

Aber anstatt dass alle dankbar gewesen wären, waren einige halblaute Stimmen zu hören: „Na ja, das war doch einfach! Aber der mit seinem abgesägten Kreuz ist natürlich fein raus! Der profitiert, ohne sich anstrengen zu müssen!“
(Doch weil man ja eine anständige Gesellschaft war, blieben die Stimmen selbstverständlich nur halblaut.)

Mit Fortschreiten der Lebensreise wurde der Weg immer holpriger, wodurch viele Weggefährten ganz automatisch lernten, an den Kreuzen der Nachbarn Hand anzulegen, um mitzuhelfen, sie rechtzeitig um unübersichtliche Ecken herumzubugsieren.
Andere taten sich schwerer, weil sie immer noch von dem Gedanken besessen waren, die Allgemeinheit zu der ihrer Ansicht nach optimalen Wegführung bekehren zu können, zu deren Erkundung sie sich als höchstpersönlich berufen erachteten. Selbst lehnten sie eine helfende Hand unwillig ab, und so irrten sie meistens ziemlich einsam in abgelegenen Wüsteneien herum.

Dennoch musste wieder zusammengewartet werden, denn ein reißender Fluss war so breit, dass keines der Kreuze lang und stabil genug war, um eine Brücke daraus zu bauen.
Nun war die Stunde des Hünen mit seinem eisernen Kreuz gekommen: Wie einen Anker pflanzte er sein massives Kreuz in die Mitte der Stromschnellen und konnte allen verhelfen, an das andere Ufer zu gelangen. Und wirklich reichte ihm jeder Einzelne früher oder später die Hand.

Ein anderes Mal erwies sich das Unikum aus Aluminium, welches so oft Unmut hervorgerufen hatte, weil es sich immer wieder in den Sträuchern verheddert hatte, als brauchbares Gleitfluggerät. Eine unwegsame Gegend hatte sich allen zuvor erfolgreichen Bewältigungsstrategien widersetzt, mit diesem Kreuz ließen sich jedoch die dort herrschenden Aufwinde nützen.

Ebenso hatten sich ein paar der unverbesserlichen Individualisten zwar so ganz alleine mit ihren verschnörkelten Kreuzen in der Ödnis derart abgekämpft, dass sie von den anderen aufgelesen und erst einmal gelabt werden mussten. Aber ihre Plackerei hatte in der Landschaft Furchen hinterlassen, die anderen Wanderern, welche eher unabsichtlich den Anschluss an die Gruppe verloren hatten, zur Orientierung dienten. (Und sei es auch nur, um daraus abzulesen, welche Wege sich als Sackgassen herausgestellt hatten.)
Vergleichsweise oft schien letzteres nämlich jenen zu passieren, die sich durch die Handlichkeit ihrer Kreuze dazu verleiten hatten lassen, scheinbare Abkürzungen zu beschreiten.

So verging die Zeit mit mancherlei Herausforderungen, Irrtümern und Varianten, strukturiert durch gelegentlichen, völlig unerwartet auftretenden Rückenwind.
Es stellte sich heraus, dass die gemeinsame Reise an besonderen Knotenpunkten und Gefahrenstellen zusammen gegangen werden musste, sonst aber individuell gestaltet werden konnte, sodass niemand mehr zu entscheiden gewagt hätte, welche Wegbewältigung denn nun die beste gewesen sei!

Als die gesamte Gruppe es geschafft hatte, ihre Teilnehmer (mit unendlichen Anstrengungen, aber doch) zur gleichen Zeit an dem Ort zu versammeln, von dem sie mittlerweile auch alle erkannt hatten, dass er das Ziel der Reise sei, fanden sie eine gleißende Wand vor, die aus nichts als Schlüssellöchern bestand.
Und siehe da: Die Kreuze waren die Schlüssel, und für jedes gab es eine entsprechende Stelle, wo es sich, genau so, wie es durch die unterschiedlichen Reiseerfahrungen geformt worden war, in die Wand einfügte und somit wieder abgegeben und im Gegenzug die Erklärung für den Sinn der Mühen in Empfang genommen werden konnte.

Für die einzelnen Wanderer handelte es sich nun nur mehr darum, sich der Wegweiser zu entsinnen, die längs des Pfades in überreicher Anzahl postiert gewesen, zum entscheidenden Zeitpunkt jedoch nicht immer bewusst wahrgenommen worden waren, und sich aus einer abschließenden Zusammenschau zu ihrem jeweiligen ureigenen Bestimmungsort führen zu lassen.


Einzig jene Zeitgenossen, die immer noch nicht glauben mochten, dass unterschiedslos alle Schlüssel irgendwo in der Wand passen, fummelten so lange herum, dass es ihnen wie eine Ewigkeit erschien, bis sie den ihren zum Funktionieren bringen konnten.



P.S.: Ein Beispiel für einen durchaus wachrüttelnden Text ohne Auslassung der frohmachenden Bibelstellen findet sich hier: Nimm dein Kreuz auf dich und folge mir nach

P.P.S.: Die Bibelstellen, die da wären: Lk 15, 4-7, Lk 15, 11-32, Mt 18, 21-22 und vor allem Mt 20, 1-16!