Von der Macht des Gebetes

                                                                                                          

"Ich freue mich für Dich, dass Dir der Glaube so viel bedeutet. Ich sehe Dir auch an, dass er Dir guttut. Im Vergleich zu früher wirkst Du viel ruhiger und ausgeglichener", hatte ich schon mehrmals zu hören bekommen, "aber was ist das für ein Gott, der nur Moses und 'sein auserwähltes Volk' rettet und so viele andere Menschen im Roten Meer ins Verderben rennen lässt? Damit habe ich ein Problem."

Darauf wusste ich lange nichts zu antworten. Zumal es Zeiten gegeben hatte, da der Sprecher selbst sehr engagiert in der Kirche gewesen war, als Lektor, Musiker, einfühlsamer, ja geradezu mütterlicher Jungscharbetreuer. Ironischerweise war er einer von jenen gewesen, die mich auf die Idee gebracht hatten, nach einer langen Durststrecke wieder in die Kirche zu gehen und mich neu mit ihrem Angebot auseinanderzusetzen.

Es kam mir zu lahm vor, nun das Buch Gott 9.0 zu zitieren, in dem die sehr überzeugende Theorie vertreten wird, nach der sich die Gotteswahrnehmung und -Beziehung in aufbauenden Stufen von Epoche zu Epoche geändert hat.
In einer Zeit, als man sehr leicht getötet werden oder in Sklaverei geraten konnte, da das Leben allgemein als nackter Kampf um das Überleben wahrgenommen wurde, musste Gott nun einmal so drastisch zu den Menschen sprechen. Oder umgekehrt: Die Art, wie Gott spricht, wurde damals so aufgefasst bzw. auf diese Weise beschrieben. Komme was wolle, Gott ist mein Verbündeter.

Diese "Stufen" bauen aber nicht aufeinander auf in dem Sinne, dass die unterschiedlichen Arten, Gott wahrzunehmen, nacheinander wie eine genau abgrenzbare Treppe zu absolvieren wären.
Auch wir "Zivilisierten" können jederzeit in eine Empfindungsebene gelangen, in der wir eben diese grundlegendste aller Zusicherungen bitter nötig haben. Das heißt dann jedoch nicht, Gott ist gegen all die anderen, sondern einfach nur: Ich kann darauf vertrauen, dass er auf jeden Fall für mich ist.

Aus diesem Vertrauen heraus kann ich es dann besser aushalten, wenn Zeiten kommen, wo scheinbar andere bevorzugt werden (weil sie beispielsweise in der Wahrnehmungsstufe, in der sie sich befinden, die sich aber von der meinen grundlegend unterscheidet, gefestigt sind und sich wohlfühlen).
Wenn Gott für mich ist und gleichzeitig für alle anderen Menschen, kann ich ihnen ihren persönlichen Entwicklungsweg mit ihm zugestehen.
Wer weiß? Vielleicht hatten die ägyptischen Krieger einzusehen, dass sie sich Handlanger haben machen lassen für ein totalitäres System und haben im letzten dramatischen Moment ihren ureigenen Frieden geschlossen mit Gott.
Es ist so passiert, nicht weil sie von Gott für irgendetwas "bestraft" wurden (auch wenn es in den Worten der damaligen Chronisten so klingen mag), sondern weil die Einstellung, das Vertrauen auf die eigene oder von Führerfiguren adoptierte Stärke zu setzen anstatt auf diejenige Gottes, früher oder später ihr unechtes Fundament verlieren muss.

Aus genau diesem Grund finde ich auch, dass die Feigenbaumgeschichte aus dem Neuen Testament viel zu leicht missverstanden wird:
Jesus hat - zutiefst menschlich - einen miesen Tag und stapft türenknallend durch die Gegend. Dreisten Geschäftemachern zeigt er ganz unmissverständlich, was er von ihrem Einnisten im Gotteshaus hält. Einen Feigenbaum, der unterwegs seinem Wunsch nach einer Erfrischung in dieser Jahreszeit gar nicht entsprechen kann, verflucht er. Als dieser am nächsten Tag tatsächlich verdorrt ist, finden das alle normal. Wenn Gott mit uns was anfangen soll, dann müssen wir schon Früchte tragen.
Ich finde es nicht normal, denn keiner hat daran gedacht, Jesus seine schlechte Laune vor Augen zu führen und für den Baum einzustehen. Alle waren erstarrt vor der Autorität, die Jesus für sie offensichtlich bereits hatte, die in diesem speziellen Moment jedoch nicht gerade pädagogisch nachahmenswert war. Ganz folgerichtig wird im anschließenden Abschnitt vom Gebet gesprochen!

Es ist nicht Gott, der reagiert, weil wir seine Erwartungen nicht erfüllt haben (reagieren wäre höchst ungöttlich), sondern es sind wieder einmal wir, die ein Gotteswort missinterpretiert und nicht zum wohlwollendsten Vorteil unserer Nächsten angewendet haben. Er liebt jeden einzelnen von uns, mit dem wenig schönen, aber umso zutreffenderen Wort ausgedrückt, vorleistungsfrei.
Unsere "guten Früchte" sollen wir aus eigenem Antrieb und eigener Einsicht hervorbringen, was mir umso besser gelingen kann, je sicherer ich mich auch nach noch so großen Fehlern und Umwegen von Gott aufgefangen und gestützt fühle.

Heute würde ich daher den von meinem Freund aufgeworfenen Zweifeln so begegnen: Es kann Zeiten geben, in denen es wichtig ist, ganz bewusst und schamlos für mich selbst zu beten, z.B. das Angelusgebet.
Gieße Deine Gnade in unsere Herzen ein und hilf uns, die Anfechtungen zu durchschauen und auf jegliche Bewertung zu verzichten. Denn wenn ich aus unechter Demut heraus zu früh versuche, diese Gnaden - oder das, was ich dafür halte - selbstherrlich zu verteilen, wird da nichts draus - weder für die anderen noch für mich.
Fülle mein Herz, damit es ganz durchtränkt ist von Dir und überquillt von Deiner Gnade:
Dann erst habe ich etwas, wovon ich, ohne überhaupt nachdenken zu müssen, weitergeben und aufrichtigsten Herzens für meine Mitmenschen beten kann.

Beten für die, die noch nicht gelernt haben, uneingeschränkt Gottes Zuwendung zu beanspruchen;
für den Feigenbaum, der sich einfach nur zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort befunden hat;
für die Ägypter - die mit Gott eben einen anderen, für uns nicht nachvollziehbaren Weg zu gehen hatten -
aber immer wieder auch für uns selber, weil es für uns Menschen nun einmal das Allerwichtigste ist, uns selbst einmal gut gefüllt mit der Gnade Gottes zu wissen.