Nicht ohne meinen ungläubigen Thomas

Wer beim Schifahren penibel darauf bedacht ist, nicht zu stürzen, wird nie etwas dazulernen.
Er oder sie wird ewig ein Pistenwischer bleiben und die Befriedigung nicht kennenlernen, die man empfindet, wenn man seine Grenzen wirklich kennt, noch die unbändige Freude, wenn man seine ureigenen Möglichkeiten voll auszuschöpfen wagt.

Ebenso vergleiche ich den Glauben mit einem Körper, der nicht fix und fertig da ist und sofort mühelos alles kann und weiß, sondern den es zu formen gilt und den man sich immer von neuem zu-muten muss.

Aus diesem Grunde ist es so wichtig, eine Gemeinschaft zu finden, in der es mir möglich ist, die als fix angenommenen Grenzen wenigstens versuchsweise überschreiten zu können und andererseits die Bereiche, in denen ich mich unsicher fühle, ganz offen zugeben zu dürfen.

Im Idealfall bin ich dann von Menschen umgeben, die mir leihweise ihre Sicherheit überlassen, welche sie umgekehrt nicht daraus beziehen, einen möglichst zahlreichen Kreis von kritiklosen Anhängern um sich zu scharen.

Ich kann es schon nicht mehr hören, wenn ich einmal etwas lauter darüber nachdenke, was ich an der katholischen Kirche als einengend empfinde, dass es dann mitunter sehr schnell heißt: "Wenn dir was nicht passt, na dann werd' doch evangelisch!" (Abgesehen davon, dass die sich schön bedanken würden, jemanden auf das Auge gedrückt zu bekommen, der ja gar nicht aus vollem Herzen zu ihnen wechseln will.)

Wie weiland in den Tanzsälen die Korsetts sind die hohen Schischuhe aus Kunststoff dazu erfunden worden, zu stützen, was die eigenen Muskeln nicht so gut an Spannung aufrechterhalten können. Mit ihnen komme ich schneller in den oben beschriebenen Genussbereich und kann mich länger darin bewegen. Aber sie dürfen nicht dazu missbraucht werden, durch ihr Design nur mehr bestimmte Bewegungen zuzulassen oder dem hauptsächlichen Zweck ihrer eigenen Gefälligkeit zu dienen.
Dann engen sie ein.

Deshalb ist es gut, wenn auch die Glaubensgemeinschaften für die Gottesbegegnung und für das banale Zusammenleben Formen und Regeln vorgeben, in denen sich möglichst viele Menschen finden und wohlfühlen können. Wenn sich aber der Glauben weiterentwickelt, dürfen diese Regelungen nicht als Selbstzweck übrigbleiben.
Dann engen sie ein.

Nicht zuletzt heißt es am Schluss des Berichtes über den zweifelnden Thomas, der das Ende der Aufzeichnungen des Evangelisten Johannes einleitet, dass durch Jesus und in seinem Namen noch viele Taten geschehen sind, von denen nur einige exemplarisch überliefert wurden.
Die Vorstellungskraft über die barmherzige Allmacht Gottes soll durch die Bibel angeregt, aber nicht im gleichen Atemzug durch zu viele vorgegebene Konzepte wieder eingeschränkt werden.

Richtig angewandt, wird das Anprobieren verschiedener (Fuß-)Bekleidungen an unserem Glaubenskörper zum gemeinsamen Abenteuer und die Entdeckerfreude grenzenlos.