Ist das Glas halb voll oder halb leer?

Wenn ich erwähne, dass ich jeden Tag die heilige Messe besuche, ernte ich unterschiedliche Reaktionen.
Interessanterweise fragen mich Leute, die ich aus der Kirche kenne: "Na, und eckst du da nicht an, wenn du das zum Beispiel am Arbeitsplatz erzählst?"
Während ich mich also des Gefühls nicht erwehren kann, dass mir gerade aus dieser Ecke ein verdächtiger Übereifer angelastet wird, ergeht es mir bei Nicht- oder Wenig-Kirchengängern ganz anders.
Diese stutzen, sind offensichtlich bereit, mir mein Pläsierchen zu lassen, und kommen anschließend mit den Erinnerungen, die in irgendeinem Hinterstübchen nicht aufgehört haben, sie zu bedrücken:
"In die Kirche? Bei der Erstkommunion wollten sie da von mir schon als kleines Kind so viele Sünden wissen. Als mir keine mehr eingefallen sind, habe ich einfach ein paar erfunden!" Oder: "Für mich ist das nichts. Da wird einem ständig eingeredet, dass man unwürdig sei!"

In beeindruckender Weise zeigen die geschilderten Reaktionsweisen meiner Gesprächspartner wieder einmal zwei Seiten derselben Medaille:

Während die einen genau zu wissen meinen, was in der Kirche schicklich ist, und glauben, ihre Nächsten vor ungesundem Engagement oder übertriebener Frömmigkeit warnen zu müssen, haben die anderen überhaupt aufgehört, nachzufragen, was sich im Glaubensleben Neues tut.

Sonst hätten sie nämlich mitbekommen, dass der Satz, den die Gottesdienstgemeinschaft vor der Kommunion spricht, aus zwei Teilen besteht:


Herr, ich bin nicht würdig, dass Du eingehst unter mein Dach,
aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund!

Es steht jedem frei, mit seiner Aufmerksamkeit in der ersten Zeile steckenzubleiben und sich fürchterlich heruntergemacht vorzukommen. Oder aber man kann zugeben, dass man nicht aus sich selbst heraus in der Lage ist, sich aus der Verstrickung von Angst und Schuldgefühlen zu lösen.
Denn wer will, kann sich täglich an die befreiende Nachricht im zweiten Halbsatz erinnern lassen: das höchste Heilsversprechen, das Gott uns Menschen bereits geleistet hat.