Überall ist Gott und nirgends

Kranksein bildet.
Wenn man mit Grippe im Bett liegt, hat man plötzlich wieder die Muße, sich Dinge zu Gemüte zu führen, für die man sich normalerweise nicht die Zeit nimmt.
Und so erfuhr ich in Fernsehmarathons neben genügend amüsantem Schrott doch auch allerlei Wissens- und Nachdenkenswertes.

Einmal blieb ich beim Zappen in einer Sendung über Nahtoderfahrungen hängen, die mich faszinierte, weil ich sie als objektiv gemacht empfand. Nichts erscheint mir lächerlicher als selbsternannte Wissenschaftler, die Aussagen anderer Menschen an dem Raster ihrer eigenen Logik messen, und alles, was da nicht hineinpasst, in der Luft zerreißen.

Viel wesentlicher ist es doch, sich mit den Erfahrungen der Mitmenschen auseinanderzusetzen und Dinge, die auch mich aufbauen könnten, zu übernehmen sowie das, was partout nicht in mein aktuelles Weltbild passt, einfach in deren Welt zu belassen.

Ich für meinen Teil freute mich also mit dem Mann, der die Trauer über den Krebstod seiner Frau bearbeiten konnte, weil er sich ihr so verbunden fühlte, dass er ihre Botschaft zum Zeitpunkt des Todes „Wenn ich gewusst hätte, dass es hier so schön ist…“ für sich selbst ergänzte: „…hätte ich keine Angst vor dem Sterben gehabt!“

Was bereits in ansehnlicher Anzahl vorliegt, sind aber doch nur Nahtodbeschreibungen, über einen gewissen Punkt hinaus können wir keine „Erlebnisberichte“ sammeln.
Doch ich fühlte, dass mir mit einem zweiten Zeugnis eine latente Frage beantwortet worden war, denn die Schilderungen gehen in zwei einander widersprechende Richtungen:

Manche Menschen erzählen von einem Zugehen auf ein unwiderstehliches Licht, wie man sich gerne den Heimgang zu Gott vorstellen möchte und von dem man sich nur ungern wieder abwendet, weil man aus einer Art Verpflichtung heraus in das Leben zurückkehrt.
Andere Grenzgänger haben von alledem nichts erfahren, sondern sind froh, dass sie einen Ort der Düsternis und des Leides, an dem einem wahrscheinlich wirklich nicht viel anderes übrigbliebe, als zu heulen und mit den Zähnen zu knirschen, wieder verlassen dürfen.

Nun kam in der Sendung ein weiterer Mann zu Wort, dem zwar auch die angenehme Reise zum Licht widerfahren war, der aber berichtet, an einem bestimmten Punkt vor einer Entscheidung gestanden zu sein.
Wer sich – aus welchem Grund auch immer – gegen das Weitergehen sträubt, bleibt in der Vorstellung der Verzweiflung und des Getrenntseins gefangen. Wem es gelingt, sich in das Unbekannte zu fügen und wer alle Widerstände aufgibt, begibt sich hinein in die grenzenlose Liebe, die Gott ist.

Diese Beschreibung bestätigte meine ganz persönliche Logik, nach der sämtliche Höllenschilderungen zwar ernstzunehmen sind, aber keinen Anspruch darauf stellen können, absolute Tatsachen abzubilden. Es handelt sich lediglich um eindringliche Warnungen, wie sehr man sich eigenhändig die Erfahrung von Leid in die Länge ziehen kann, wenn man an den eigenen Vorstellungen festhält und sich so die Erfüllung verbaut, die im vorbehaltlosen Vertrauen in Gott liegt.
Doch hinter dem Punkt, der unseren Sinnen zugänglich und von unserem Willen beeinflussbar ist, wartet Gott auf uns, und zwar auf jeden von uns.

Denn Gott ist überall und nirgends:
Er ist es, der alles durchdringt, die belebte und die unbelebte, die diesseitige und die jenseitige Welt.
Ich mit meiner menschlichen Wahrnehmung kann ihn in seiner Ganzheit nicht begreifen, und so ist er mit Sicherheit nicht dort, wo ich meine, ihn erfasst zu haben.

Dennoch muss ich es täglich neu versuchen, um täglich neu meine Beschränkungen zu erfahren und einzugestehen.
Erst nach dem Tod für dieses Leben und für die hier so zwingend erscheinenden Logiken kommt die Auferstehung in das uneingeschränkte Verstehen und Einverständnis wie ein langersehntes Heimkommen.

Das ist die Verheißung für jeden einzelnen Menschen auf dieser Erde. 


PS. Weiterführende Überlegungen zu derselben Überschrift: http://www.institut-neumuenster.ch/download.php?id=1090

PPS. Was an dieser Schilderung "wahr" ist, entscheiden Sie höchstpersönlich und für sich selbst.
Die Wendung "Überall ist Gott und nirgends" entstammt dem Lied Gotteslob 270, das auf Psalm 95 basiert.